Meine Segelflugausbildung...

Wenn ich mich heute an diesem Sonntagmorgen hinsetze und diesen Bericht mit grosser Freude und einem Gefühl des Glücks schreibe, ist es gerade kein Flugtag, denn der Nebel am Bodensee und im ganzen Mittelland verhindert einen Flug in das nahe Appenzellerland. Dieses ist im Normalfall das Trainingsgebiet von uns Flugschülern der SG-Säntis.

Lasst mich aber die Geschichte von Anfang erzählen, denn obwohl das Segelfliegen einer meiner Bubenträume ist, beginnt sie genau genommen am 26.05.2018 anlässlich eines «Tages des offenen Cockpitts» (TOC). Rein zufällig traf ich in einem Café einen von mir sehr geschätzten Kollegen aus der Gleitschirmgruppe, ich flog lange Jahre einen von ihm konstruierten Schirm. Er ist selber auch ein ausgezeichneter Kunstflugpilot und auch Segelflugpilot in der Segelfluggruppe Säntis. Nach dem angeregten und erfreulichen Gespräch mit ihm hat es mich gepackt, und meine Frau Sandra und ich machten uns gleich auf zum nächsten TOC bei der SGS (Segelfluggruppe Säntis) Altenrhein. Dort hat diese äusserst engagierte und erfreuliche Fliegergruppe ihren Hangar und eine Graspiste für Starts und Landungen.

Wir kamen dort pünktlich um 9:00 hin und wurden freundlich vom Cheffluglehrer empfangen. Nach einem kurzen Briefing, erklärt werden das Wetter, bereitzustellende Flugzeuge, einzurichtende Pistenfahrzeuge und im Dienst stehende Piloten, Fluglehrer und Flugschüler, gehen wir gleich zur Tat. Alle werden an diesem Tag vor allem fliegen aber zwischenzeitlich auch am Boden Hilfs- und Dienstleistungen erbringen, damit der Flugbetrieb, wie organisiert, zur Freude aller Fliegerherzen ablaufen kann.

Schon bald sitzen wir im Cockpit einer (Glaser Dirk) DG 505 Orion, es hat eine Gleitzahl 40 und ist ein modernes Hochleistungs-Segelflugzeug, das sich auch für Passagierflüge und zu Schulungszwecken sehr gut eignet. Die SG Säntis pflegt ihre Flugzeuge erstklassig und hat viele Fachleute in ihren Reihen die sich mit der Wartung auskennen. Nur deshalb ist es möglich, dass so ein Segler fast wie neu aussieht und sich immer auf dem höchsten Stand aller technischen Anforderungen befindet. Obwohl mich Technisches durchaus interessiert, war ich eher gespannt auf meinen ersten Flug mit einem Segelflugzeug auf den ich mich sehr freute. Ein Schleppflugzeug zog uns bis zum Gäbris und von da flogen wir selber weiter. Ich war beeindruckt und leise Gefühle von Freiheit, so ähnlich wie bei meinen vielen Flügen mit dem Gleitschirm, kamen in mir hoch. Nach der Landung unternahmen wir noch einen zweiten Flug. Den Beschluss, Segelfliegen lernen zu wollen, habe ich aber zu jenem Zeitpunkt schon gefasst.

Im Juli 2018 gab es bei der SGS, wie jedes Jahr um diese Zeit, ein Segelfluglager. Mit einer ganzen Woche Intensivtraining kam ich schon recht weit und durfte mit dem erfahrensten Segelfluglehrer in der Gruppe schon einen Flug in die Alpen unternehmen. Das war eine ganz grosse Erfahrung für mich. Ich durfte die Thermik am Breithorn selber erfliegen und unter Anweisung des Fluglehrers den Segelflieger selber fliegen. Der Rückflug führte uns sogar hoch über den Wolken zurück, weil es in den Alpen bis fast 2'800 Meter Höhe ging und die Basis Richtung Rheintal tiefer lag. Es war wie Schweben, und zuerst glaubte ich, es könnte ewig so weiter gehen. So konnte ich noch bis Ende Oktober Flug an Flug reihen und lernte stetig dazu. Am 13. Oktober 2018 durfte ich bereits den ersten Alleinflug mit dem Grob Astir unternehmen.

Über den Winter bis März 2019 durfte ich die Segelflugtheorie studieren und im März 2020 die letzten Prüfungen fertig ablegen. Den Flugbetrieb konnten wir 2020 im Mai wieder aufnehmen und so begann für mich nochmals ein intensives Flugtraining zur Vorbereitung auf die praktische Flugprüfung im Oktober 2020. Bis hierhin durfte ich in den 27 Monaten Ausbildung zum Segelflugpiloten bereits viele wunderbare Flüge erleben, richtig zum Geniessen. Ohne grössere Zwischenfälle und Widerstände wäre meine Ausbildung zum Segelflugpiloten auch sicher in einem Jahr zu schaffen gewesen.

Für mich war die ganze Ausbildung eine Bestätigung und auch eine erneute Übung für vielfältige Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen, präzises und ausdauerndes Arbeiten bis ins Detail, Reaktionsvermögen, Geduld und auch etwas Demut. Qualitäten, die wir auch im Berufsleben und im täglichen Umgang miteinander gut gebrauchen können. Neben viel Freude am Fliegen und Erfolgserlebnissen gab es auch Misserfolge, Fehlleistungen, Rückschläge und Niederlagen. Auch damit müssen wir im Leben umgehen können, wieder aufstehen und weitermachen. Wir haben sehr gute Fluglehrer die mit uns fliegen und uns helfen Fortschritte zu machen. Es ist eine der grossen Stärken der Segelfluggruppe Säntis, dass sich die Fluglehrer über unterschiedliche Vorgehensweisen in der Schulung ausweisen und auch differenzierte Schwerpunkte setzen. Die Einen verlangen ganz exaktes Fliegen und die Anderen legen mehr Wert auf Genuss beim Kreisen in der Thermik, wenn auch hier Präzision durchaus notwendig ist, um etwas länger in der Luft zu bleiben. Auch etwas Akroflug und Extremfluglagen gehören richtigerweise zum Übungsfeld eines Segelflugschülers. Einen speziellen Dank möchte ich an dieser Stelle auch allen unseren Motorflugpiloten geben, denn sie schleppen uns an fast jede gewünschte Stelle in der näheren Umgebung des Flughafens Altenrhein. Ihre grosse Erfahrung und ihr spezielles Können geben uns Sicherheit.

Es kam der Prüfungstag, der 22.10.2020. Eine interessante Zahlenfolge, merke ich im Nachhinein und mein Geburtstag ist der 22.01.1963. Die spezifische Vorbereitung für diese Prüfung hat von Mai bis Oktober 2020 gedauert. Wir haben viele Trainingsflüge gemacht und ich bin allen Fluglehrern sehr dankbar für ihre Geduld, ihr Insistieren, ihre Korrekturen und ihr Beharren auf Genauigkeit und strukturiertes Vorgehen in allen Phasen eines Segelfluges. Auf den Prüfungstag habe ich mich gut vorbereitet. Alle Dokumente liegen bereit, Wetter studiert, Flugplanung gemacht, der Segelflieger steht bereit und das Schleppflugzeug ist ausgeräumt. Pünktlich um 15:00 kommt unser Experte. Die Begrüssung ist herzlich, und nach einer knappen Stunde Prüfung meiner Flugvorbereitungen schreiten wir zum Flugfeld. Ich mache die Vorflugkontrollen am Segelflieger und der Prüfungsexperte erklärt mir noch die Prüfungsbedingungen. Wir steigen ein, ich gehe das Departurebriefing durch und gebe den Schleppauftrag an den Motorflugpiloten. So wie man startet, so fliegt man auch, und so landet man auch bekanntlich wieder.

So gelingt der Start hervorragend. Der Experte auf dem hinteren Sitz übernimmt nach der ersten Wende draussen über dem Bodensee das Steuer, lenkt uns weit nach rechts vom richtigen Kurs ab und bittet mich das Steuer wieder zu übernehmen um wieder exakt hinter das Schleppflugzeug in die Normalschleppfluglage zurück zu kehren. Das mache ich ohne Seildurchhänger und wir fliegen weiter bis auf 1'500 msl bei Heiden. Ich klinke aus, fahre das Rad ein, trimme auf 105 km/h, Transponder auf Stellung alt. Schon kommen die ersten Anweisungen meines Experten. Kreise rechts, links, Kurse Ost, West, Süd, in einem Linkskreis hochziehen bis zum Abkippen und wieder in Normalfluglage zurück. Dann noch ein Sackflug und die Anweisung Richtung Friedrichshafen zu fliegen. Ich fliege Richtung Lindau, weil das ein sicherer Orientierungspunkt ist und ich wohl Lindau mit Friedrichshafen verwechsle. Friedrichshafen liegt etwa 30 Grad links von Lindau. Mein wohlwollender Experte macht mich darauf aufmerksam und ich fliege wie gewünscht. Dann empfehle ich nach links zu drehen, weil wir sonst in den CTR geraten und das wäre ohne Anmeldung kein gutes Handeln. Getan, machen wir noch ein paar Manöver und schon melde ich, dass es Zeit wäre ans Landen zu denken. Wir haben nämlich nur noch 1'000 msl und sind noch in der Gegend von Walzenhausen. Ich schalte die Funkfrequenz auf Turm, fliege nach Wolfhalden, lasse das Rad wieder raus und melde mich auf 850 msl bei St.Gallen Tower an. Dieser meldet sich nach dem dritten Aufruf und gibt mir auch die Freigabe. Ich fliege via Golf zum Abbauraum, Kreise rechts und melde bei 650 msl HB3295 righthand downwind 28 grass. Ich erhalte wieder die Freigabe und so muss ich mich jetzt wirklich nochmals richtig konzentrieren. Ich fliege präzis und paralell zur Piste 28 Richtung Osten, beobachte den Luftraum, drehe nach rechts in den Queranflug, richte auf und fliege wieder gerade, dann mit einer neuen Rechtskurve in den Endanflug und leite ganz genau in Richtung Piste 28 aus. Jetzt stelle ich etwa halbe Bremsklappen und ziele genau auf den aimingpoint. Jetzt will ich nur noch vier Dinge tun: a) die Geschwindigkeit und den Kurs halten, b) den Sinkflug im richtigen Moment abflachen (eine zu kurze Landung mit zu wenig Reserven wäre schlecht), c) möglichst im Zielbereich landen und ich muss eine möglichst weiche Landung hinkriegen. Das habe ich so gemacht, weich war die Landung auch, aber leider 10 Meter zu weit. Wir stiegen aus. Zu meiner Überraschung gratulierte mir der Prüfungsexperte zu meinem guten und sicheren Flug, teilte mir mit, dass ich mich ab sofort Segelflugpilot nennen dürfe und wir noch die restlichen Formalitäten im Hangar erledigen werden. Ich war innerlich überglücklich, konnte es kaum glauben, habe es geschafft.

Die Saison 2020 ist in Altenrhein zu Ende. Vorausschauend und mit Freude erwarte ich die nächste Segelflugsaison die bei uns im März 2021 beginnen wird. Ich will das Streckenfliegen weiter verbessern und auf ein hohes Niveau bringen, verschiedene weitere Ausbildungsschritte tun und ein richtig guter Segelflugpilot werden. Vielleicht reicht es im Herbst 2021 sogar für die Teilnahme an einem Akrokurs. Neben hauptsächlich viel Freude am Fliegen, gilt es sich laufend weiter zu verbessern und das macht diesen Sport, dieses Vergnügen und diese Schule des Lebens so herausfordernd und spannend.

Nochmals möchte ich allen Mitgliedern der SG-Säntis, allen Helfern und Motorflugpiloten herzlich für ihre Hilfe, ihren Rat und ihren Einsatz danken. Ganz besonderen Dank richte ich an alle Fluglehrer der SG-Säntis. Ihr leistet Euren ganzen Einsatz für uns unentgeltlich und weist Euch über eine sehr hohe Kompetenz in allen Bereichen des Segelfliegens aus.  

Im Herbst 2020, Andreas Graf